Tristan written by Thomas Mann
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Tristan
von
Thomas Mann
1
Hier ist >Einfried<, das Sanatorium! Weiss und geradlinig liegt es mit
seinem langgestreckten Hauptgebaeude und seinem Seitenfluegel inmitten des
weiten Gartens, der mit Grotten, Laubengaengen und kleinen Pavillons aus
Baumrinde ergoetzlich ausgestattet ist, und hinter seinen Schieferdaechern
ragen tannengruen, massig und weich zerklueftet die Berge himmelan.
Nach wie vor leitet Doktor Leander die Anstalt. Mit seinem zweispitzigen
schwarzen Bart, der hart und kraus ist wie das Rosshaar, mit dem man die
Moebel stopft, seinen dicken, funkelnden Brillenglaesern und diesem Aspekt
eines Mannes, den die Wissenschaft gekaeltet, gehaertet und mit stillem,
nachsichtigem Pessimismus erfuellt hat, haelt er auf kurz angebundene und
verschlossene Art die Leidenden in seinem Bann, -- alle diese Individuen,
die, zu schwach, sich selbst Gesetze zu geben und sie zu halten, ihm ihr
Vermoegen ausliefern, um sich von seiner Strenge stuetzen lassen zu
duerfen.
Was Fraeulein von Osterloh betrifft, so steht sie mit unermuedlicher
Hingabe dem Haushalte vor. Mein Gott, wie taetig sie, treppauf und
treppab, von einem Ende der Anstalt zum anderen eilt! Sie herrscht in
Kueche und Vorratskammer, sie klettert in den Waescheschraenken umher, sie
kommandiert die Dienerschaft und bestellt unter den Gesichtspunkten der
Sparsamkeit, der Hygiene, des Wohlgeschmacks und der aeusseren Anmut den
Tisch des Hauses, sie wirtschaftet mit einer rasenden Umsicht, und in
ihrer extremen Tuechtigkeit liegt ein bestaendiger Vorwurf fuer die gesamte
Maennerwelt verborgen, von der noch niemand darauf verfallen ist, sie
heimzufuehren. Auf ihren Wangen aber glueht in zwei runden, karmoisinroten
Flecken die unausloeschliche Hoffnung, dereinst Frau Doktor Leander zu
werden...
Ozon und stille, stille Luft ... fuer Lungenkranke ist >Einfried<, was
Doktor Leanders Neider und Rivalen auch sagen moegen, aufs waermste zu
empfehlen. Aber es halten sich nicht nur Phthisiker, es halten sich
Patienten aller Art, Herren, Damen und sogar Kinder hier auf: Doktor
Leander hat auf den verschiedensten Gebieten Erfolge aufzuweisen. Es
gibt hier gastrisch Leidende, wie die Magistratsraetin Spatz, die
ueberdies an den Ohren krankt, Herrschaften mit Herzfehlern, Paralytiker,
Rheumatiker und Nervoese in allen Zustaenden. Ein diabetischer General
verzehrt hier unter immerwaehrendem Murren seine Pension. Mehrere Herren
mit entfleischten Gesichtern werfen auf jene unbeherrschte Art ihre
Beine, die nichts Gutes bedeutet. Eine fuenfzigjaehrige Dame, die Pastorin
Hoehlenrauch, die neunzehn Kinder zur Welt gebracht hat und absolut
keines Gedankens mehr faehig ist, gelangt dennoch nicht zum Frieden,
sondern irrt, von einer bloeden Unrast getrieben, seit einem Jahre
bereits am Arm ihrer Privatpflegerin starr und stumm, ziellos und
unheimlich durch das ganze Haus.
Dann und wann stirbt jemand von den >Schweren<, die in ihren Zimmern
liegen und nicht zu den Mahlzeiten noch im Konversationszimmer
erscheinen, und niemand, selbst der Zimmernachbar nicht, erfaehrt etwas
davon. In stiller Nacht wird der waechserne Gast beiseite geschafft, und
ungestoert nimmt das Treiben in >Einfried< seinen Fortgang, das
Massieren, Elektrisieren und Injizieren, das Duschen, Baden, Turnen,
Schwitzen und Inhalieren in den verschiedenen mit allen Errungenschaften
der Neuzeit ausgestatteten Raeumlichkeiten...
Ja, es geht lebhaft zu hierselbst. Das Institut steht in Flor. Der
Portier, am Eingange des Seitenfluegels, ruehrt die grosse Glocke, wenn
neue Gaeste eintreffen, und in aller Form geleitet Doktor Leander,
zusammen mit Fraeulein von Osterloh, die Abreisenden zum Wagen. Was fuer
Existenzen hat >Einfried< nicht schon beherbergt! Sogar ein
Schriftsteller ist da, ein exzentrischer Mensch, der den Namen
irgendeines Minerals oder Edelsteines fuehrt und hier dem Herrgott die
Tage stiehlt...
Uebrigens ist, neben Herrn Doktor Leander, noch ein zweiter Arzt
vorhanden, fuer die leichten Faelle und die Hoffnungslosen. Aber er heisst
Mueller und ist ueberhaupt nicht der Rede wert.
2
Anfang Januar brachte Grosskaufmann Kloeterjahn -- in Firma A. C.
Kloeterjahn & Comp. -- seine Gattin nach >Einfried<; der Portier ruehrte
die Glocke, und Fraeulein von Osterloh begruesste die weither gereisten
Herrschaften im Empfangszimmer zu ebener Erde, das, wie beinahe das
ganze vornehme alte Haus, in wunderbar reinem Empirestil eingerichtet
war. Gleich darauf erschien auch Doktor Leander; er verbeugte sich, und
es entspann sich eine erste, fuer beide Teile orientierende Konversation.
Draussen lag der winterliche Garten mit Matten ueber den Beeten,
verschneiten Grotten und vereinsamten Tempelchen, und zwei Hausknechte
schleppten vom Wagen her, der auf der Chaussee vor der Gatterpforte
hielt -- denn es fuehrte keine Anfahrt zum Hause-, die Koffer der neuen
Gaeste herbei.
"Langsam, Gabriele, take care, mein Engel, und halte den Mund zu", hatte
Herr Kloeterjahn gesagt, als er seine Frau durch den Garten fuehrte; und
in dieses "take care" musste zaertlichen und zitternden Herzens jedermann
innerlich einstimmen, der sie erblickte, -- wenn auch nicht zu leugnen
ist, dass Herr Kloeterjahn es anstandslos auf deutsch haette sagen koennen.
Der Kutscher, welcher die Herrschaften von der Station zum Sanatorium
gefahren hatte, ein roher, unbewusster Mann ohne Feingefuehl, hatte
geradezu die Zunge zwischen die Zaehne genommen vor ohnmaechtiger
Behutsamkeit, waehrend der Grosskaufmann seiner Gattin beim Aussteigen
behilflich war; ja, es hatte ausgesehen, als ob die beiden Braunen, in
der stillen Frostluft qualmend, mit rueckwaerts gerollten Augen
angestrengt diesen aengstlichen Vorgang verfolgten, voll Besorgnis fuer
soviel schwache Grazie und zarten Liebreiz.
Die junge Frau litt an der Luftroehre, wie ausdruecklich in dem
anmeldenden Schreiben zu lesen stand, das Herr Kloeterjahn vom Strande
der Ostsee aus an den dirigierenden Arzt von >Einfried< gerichtet hatte,
und Gott sei Dank, dass es nicht die Lunge war! Wenn es aber dennoch die
Lunge gewesen waere, -- diese neue Patientin haette keinen holderen und
veredelteren, keinen entrueckteren und unstofflicheren Anblick gewaehren
koennen als jetzt, da sie an der Seite ihres staemmigen Gatten, weich und
ermuedet in den weisslackierten, gradlinigen Armsessel zurueckgelehnt, dem
Gespraeche folgte.
Ihre schoenen, blassen Haende, ohne Schmuck bis auf den schlichten
Ehering, ruhten in den Schossfalten eines schweren und dunklen
Tuchrockes, und sie trug eine silbergraue, anschliessende Taille mit
festem Stehkragen, die mit hochaufliegenden Sammetarabesken ueber und
ueber besetzt war. Aber diese gewichtigen und warmen Stoffe liessen die
unsaegliche Zartheit, Suessigkeit und Mattigkeit des Koepfchens nur noch
ruehrender, unirdischer und lieblicher erscheinen. Ihr lichtbraunes Haar,
tief im Nacken zu einem Knoten zusammengefasst, war glatt
zurueckgestrichen, und nur in der Naehe der rechten Schlaefe fiel eine
krause, lose Locke in die Stirn, unfern der Stelle, wo ueber der markant
gezeichneten Braue ein kleines, seltsames Aederchen sich blassblau und
kraenklich in der Klarheit und Makellosigkeit dieser wie durchsichtigen
Stirn verzweigte. Dies blaue Aederchen ueber dem Auge beherrschte auf eine
beunruhigende Art das ganze feine Oval des Gesichts. Es trat sichtbarer
hervor, sobald die Frau zu sprechen begann, ja sobald sie auch nur
laechelte, und es gab alsdann dem Gesichtsausdruck etwas Angestrengtes,
ja selbst Bedraengtes, was unbestimmte Befuerchtungen erweckte. Dennoch
sprach sie und laechelte. Sie sprach freimuetig und freundlich mit ihrer
leicht verschleierten Stimme, und sie laechelte mit ihren Augen, die ein
wenig muehsam blickten, ja hie und da eine kleine Neigung zum
_Verschiessen_ zeigten, und deren Winkel, zu beiden Seiten der schmalen
Nasenwurzel, in tiefem Schatten lagen, sowie mit ihrem schoenen, breiten
Munde, der blass war und dennoch zu leuchten schien, vielleicht, weil
seine Lippen so ueberaus scharf und deutlich umrissen wa-ren. Manchmal
huestelte sie. Hierbei fuehrte sie ihr Taschentuch zum Munde und
betrachtete es alsdann.
"Huestle nicht, Gabriele", sagte Herr Kloeterjahn. "Du weisst, dass Doktor
Hinzpeter zu Hause es dir extra verboten hat, darling, und es ist bloss,
dass man sich zusammennimmt, mein Engel. Es ist, wie gesagt, die
Luftroehre", wiederholte er. "Ich glaubte wahrhaftig, es waere die Lunge,
als es losging, und kriegte, weiss Gott, einen Schreck. Aber es ist nicht
die Lunge, nee, Deubel noch mal, auf so was lassen wir uns nicht ein,
was, Gabriele? hoe, hoe!"
"Zweifelsohne", sagte Doktor Leander und funkelte sie mit seinen
Brillenglaesern an.
Hierauf verlangte Herr Kloeterjahn Kaffee -- Kaffee und Buttersemmeln, und
er hatte eine anschauliche Art, den K-Laut ganz hinten im Schlunde zu
bilden und "Bottersemmeln" zu sagen, dass jedermann Appetit bekommen
musste.
Er bekam, was er wuenschte, bekam auch Zimmer fuer sich und seine Gattin,
und man richtete sich ein.
Uebrigens uebernahm Doktor Leander selbst die Behandlung, ohne Doktor
Mueller fuer den Fall in Anspruch zu nehmen.
3
Die Persoenlichkeit der neuen Patientin erregte ungewoehnliches Aufsehen
in >Einfried<, und Herr Kloeterjahn, gewoehnt an solche Erfolge, nahm jede
Huldigung, die man ihr darbrachte, mit Genugtuung entgegen. Der
diabetische General hoerte einen Augenblick zu murren auf, als er ihrer
zum ersten Male ansichtig wurde, die Herren mit den entfleischten
Gesichtern laechelten und versuchten angestrengt, ihre Beine zu
beherrschen, wenn sie in ihre Naehe kamen, und die Magistratsraetin Spatz
schloss sich ihr sofort als aeltere Freundin an. Ja, sie machte Eindruck,
die Frau, die Herrn Kloeterjahns Namen trug! Ein Schriftsteller, der seit
ein paar Wochen in >Einfried< seine Zeit verbrachte, ein befremdender
Kauz, dessen Name wie der eines Edelgesteines lautete, verfaerbte sich
geradezu, als sie auf dem Korridor an ihm vorueberging, blieb stehen und
stand noch immer wie angewurzelt, als sie schon laengst entschwunden war.
Zwei Tage waren noch nicht vergangen, als die ganze Kurgesellschaft mit
ihrer Geschichte vertraut war. Sie war aus Bremen gebuertig, was
uebrigens, wenn sie sprach, an gewissen liebenswuerdigen Lautverzerrungen
zu erkennen war, und hatte dortselbst vor zwiefacher Jahresfrist dem
Grosshaendler Kloeterjahn ihr Ja-Wort fuers Leben erteilt. Sie war ihm in
seine Vaterstadt, dort oben am Ostseestrande, gefolgt und hatte ihm vor
nun etwa zehn Monaten unter ganz aussergewoehnlich schweren und
gefaehrlichen Umstaenden ein Kind, einen bewundernswert lebhaften und
wohlgeratenen Sohn und Erben beschert. Seit diesen furchtbaren Tagen
aber war sie nicht wieder zu Kraeften gekommen, gesetzt, dass sie jemals
bei Kraeften gewesen war. Sie war kaum vom Wochenbette erstanden, aeusserst
erschoepft, aeusserst verarmt an Lebenskraeften, als sie beim Husten ein
wenig Blut aufgebracht hatte, -- oh, nicht viel, ein unbedeutendes bisschen
Blut; aber es waere doch besser ueberhaupt nicht zum Vorschein gekommen,
und das Bedenkliche war, dass derselbe kleine unheimliche Vorfall sich
nach kurzer Zeit wiederholte. Nun, es gab Mittel hiergegen, und Doktor
Hinzpeter, der Hausarzt, bediente sich ihrer. Vollstaendige Ruhe wurde
geboten, Eisstueckchen wurden geschluckt, Morphium ward gegen den
Hustenreiz verabfolgt und das Herz nach Moeglichkeit beruhigt. Die
Genesung aber wollte sich nicht einstellen, und waehrend das Kind, Anton
Kloeterjahn der Juengere, ein Prachtstueck von einem Baby, mit ungeheurer
Energie und Ruecksichtslosigkeit seinen Platz im Leben eroberte und
behauptete, schien die junge Mutter in einer sanften und stillen Glut
dahinzuschwinden ... Es war, wie gesagt, die Luftroehre, ein Wort, das in
Doktor Hinzpeters Munde eine ueberraschend troestliche, beruhigende, fast
erheiternde Wirkung auf alle Gemueter ausuebte. Aber obgleich es nicht die
Lunge war, hatte der Doktor schliesslich den Einfluss eines milderen
Klimas und des Aufenthaltes in einer Kuranstalt zur Beschleunigung der
Heilung als dringend wuenschenswert erachtet, und der Ruf des
Sanatoriums >Einfried< und seines Leiters hatte das uebrige getan.
So verhielt es sich; und Herr Kloeterjahn selbst erzaehlte es jedem, der
Interesse dafuer an den Tag legte. Er redete laut, salopp und gutgelaunt,
wie ein Mann, dessen Verdauung sich in so guter Ordnung befindet wie
seine Boerse, mit weit ausladenden Lippenbewegungen, in der breiten und
dennoch rapiden Art der Kuestenbewohner vom Norden. Manche Worte
schleuderte er hervor, dass jeder Laut einer kleinen Entladung glich, und
lachte darueber wie ueber einen gelungenen Spass.
Er war mittelgross, breit, stark und kurzbeinig und besass ein volles,
rotes Gesicht mit wasserblauen Augen, die von ganz hellblonden Wimpern
beschattet waren, geraeumigen Nuestern und feuchten Lippen. Er trug einen
englischen Backenbart, war ganz englisch gekleidet und zeigte sich
entzueckt, eine englische Familie, Vater, Mutter und drei huebsche Kinder
mit ihrer nurse, in >Einfried< anzutreffen, die sich hier aufhielt,
einzig und allein, weil sie nicht wusste, wo sie sich sonst aufhalten
sollte, und mit der er morgens englisch fruehstueckte. Uebrigens liebte er
es, viel und gut zu speisen und zu trinken, zeigte sich als ein
wirklicher Kenner von Kueche und Keller und unterhielt die
Kurgesellschaft aufs anregendste von den Diners, die daheim in seinem
Bekanntenkreise gegeben wurden, sowie mit der Schilderung gewisser
auserlesener, hier unbekannter Platten. Hierbei zogen seine Augen sich
mit freundlichem Ausdruck zusammen und seine Sprache erhielt etwas
Gaumiges und Nasales, indes leicht schmatzende Geraeusche im Schlunde sie
begleiteten. Dass er auch anderen irdischen Freuden nicht grundsaetzlich
abhold war, bewies er an jenem Abend, als ein Kurgast von >Einfried<,
ein Schriftsteller von Beruf, ihn auf dem Korridor in ziemlich
unerlaubter Weise mit einem Stubenmaedchen scherzen sah, -- ein kleiner,
humoristischer Vorgang, zu dem der betreffende Schriftsteller eine
laecherlich angeekelte Miene machte.
Was Herrn Kloeterjahns Gattin anging, so war klar und deutlich zu
beobachten, dass sie ihm von Herzen zugetan war. Sie folgte laechelnd
seinen Worten und Bewegungen: nicht mit der ueberheblichen Nachsicht,
die manche Leidenden den Gesunden entgegenbringen, sondern mit der
liebenswuerdigen Freude und Teilnahme gutgearteter Kranker an den
zuversichtlichen Lebensaeusserungen von Leuten, die in ihrer Haut sich
wohlfuehlen. Herr Kloeterjahn verweilte nicht lange in >Einfried<. Er
hatte seine Gattin hierher geleitet; nach Verlauf einer Woche aber, als
er sie wohl aufgehoben und in guten Haenden wusste, war seines Bleibens
nicht laenger. Pflichten von gleicher Wichtigkeit, sein bluehendes Kind,
sein ebenfalls bluehendes Geschaeft, riefen ihn in die Heimat zurueck; sie
zwangen ihn, abzureisen und seine Frau im Genusse der besten Pflege
zurueckzulassen.
4
_Spinell_ hiess der Schriftsteller, der seit mehreren Wochen in
>Einfried< lebte, Detlev Spinell war sein Name, und sein Aeusseres war
wunderlich.
Man vergegenwaertige sich einen Bruenetten am Anfang der Dreissiger und von
stattlicher Statur, dessen Haar an den Schlaefen schon merklich zu
ergrauen beginnt, dessen rundes, weisses, ein wenig gedunsenes Gesicht
aber nicht die Spur irgendeines Bartwuchses zeigt. Es war nicht
rasiert, -- man haette es gesehen; weich, verwischt und knabenhaft, war es
nur hier und da mit einzelnen Flaumhaerchen besetzt. Und das sah ganz
merkwuerdig aus. Der Blick seiner rehbraunen, blanken Augen war von
sanftem Ausdruck, die Nase gedrungen und ein wenig zu fleischig. Ferner
besass Herr Spinell eine gewoelbte, poroese Oberlippe roemischen Charakters,
grosse, karioese Zaehne und Fuesse von seltenem Umfange. Einer der Herren mit
den unbeherrschten Beinen, der ein Zyniker und Witzbold war, hatte ihn
hinter seinem Ruecken "der verweste Saeugling" getauft; aber das war
haemisch und wenig zutreffend. -- Er ging gut und modisch gekleidet, in
langem schwarzen Rock und farbig punktierter Weste.
Er war ungesellig und hielt mit keiner Seele Gemeinschaft. Nur zuweilen
konnte eine leutselige, liebevolle und ueberquel-lende Stimmung ihn
befallen, und das geschah jedesmal, wenn Herr Spinell in aesthetischen
Zustand verfiel, wenn der Anblick von irgend etwas Schoenem, der
Zusammenklang zweier Farben, eine Vase von edler Form, das vom
Sonnenuntergang bestrahlte Gebirge ihn zu lauter Bewunderung hinriss.
"Wie schoen!" sagte er dann, indem er den Kopf auf die Seite legte, die
Schultern emporzog, die Haende spreizte und Nase und Lippen krauste.
"Gott, sehen Sie, wie schoen!" Und er war imstande, blindlings die
distinguiertesten Herrschaften, ob Mann oder Weib, zu umhalsen in der
Bewegung solcher Augenblicke...
Bestaendig lag auf seinem Tische, fuer jeden sichtbar, der sein Zimmer
betrat, das Buch, das er geschrieben hatte. Es war ein Roman von maessigem
Umfange, mit einer vollkommen verwirrenden Umschlagzeichnung versehen
und gedruckt auf einer Art von Kaffee-Sieb-Papier mit Buchstaben, von
denen ein jeder aussah wie eine gotische Kathedrale. Fraeulein von
Osterloh hatte es in einer muessigen Viertelstunde gelesen und fand es
"raffiniert", was ihre Form war, das Urteil "unmenschlich langweilig" zu
umschreiben. Es spielte in mondaenen Salons, in ueppigen Frauengemaechern,
die voller erlesener Gegenstaende waren, voll von Gobelins, uralten
Meubles, koestlichem Porzellan, unbezahlbaren Stoffen und kuenstlerischen
Kleinodien aller Art. Auf die Schilderung dieser Dinge war der
liebevollste Wert gelegt, und bestaendig sah man dabei Herrn Spinell, wie
er die Nase kraus zog und sagte: "Wie schoen! Gott, sehen Sie, wie
schoen!" ... Uebrigens musste es wundernehmen, dass er noch nicht mehr
Buecher verfasst hatte als dieses eine, denn augenscheinlich schrieb er
mit Leidenschaft. Er verbrachte den groesseren Teil des Tages schreibend
auf seinem Zimmer und liess ausserordentlich viele Briefe zur Post
befoerdern, fast taeglich einen oder zwei, -- wobei es nur als befremdend
und belustigend auffiel, dass er seinerseits hoechst selten welche
empfing...
5
Herr Spinell sass der Gattin Herrn Kloeterjahns bei Tische gegenueber. Zur
ersten Mahlzeit, an der die Herrschaften teilnahmen, erschien er ein
wenig zu spaet in dem grossen Speisesaal im Erdgeschoss des Seitenfluegels,
sprach mit weicher Stimme einen an alle gerichteten Gruss und begab sich
an seinen Platz, worauf Doktor Leander ihn ohne viel Zeremonie den neu
Angekommenen vorstellte. Er verbeugte sich und begann dann, offenbar ein
wenig verlegen, zu essen, indem er Messer und Gabel mit seinen grossen,
weissen und schoen geformten Haenden, die aus sehr engen Aermeln
hervorsahen, in ziemlich affektierter Weise bewegte. Spaeter ward er frei
und betrachtete in Gelassenheit abwechselnd Herrn Kloeterjahn und seine
Gattin. Auch richtete Herr Kloeterjahn im Verlaufe der Mahlzeit einige
Fragen und Bemerkungen betreffend die Anlage und das Klima von
>Einfried< an ihn, in die seine Frau in ihrer lieblichen Art zwei oder
drei Worte einfliessen liess, und die Herr Spinell hoeflich beantwortete.
Seine Stimme war mild und recht angenehm; aber er hatte eine etwas
behinderte und schluerfende Art zu sprechen, als seien seine Zaehne der
Zunge im Wege.
Nach Tische, als man ins Konversationszimmer hinuebergegangen war und
Doktor Leander den neuen Gaesten im besonderen eine gesegnete Mahlzeit
wuenschte, erkundigte sich Herrn Kloeterjahns Gattin nach ihrem Gegenueber.
"Wie heisst der Herr?" fragte sie ... "Spinelli? Ich habe den Namen nicht
verstanden."
"Spinell ... nicht Spinelli, gnaedige Frau. Nein, er ist kein Italiener,
sondern bloss aus Lemberg gebuertig, soviel ich weiss ..."
"Was sagten Sie? Er ist Schriftsteller? Oder was?" fragte Herr
Kloeterjahn; er hielt die Haende in den Taschen seiner bequemen englischen
Hose, neigte sein Ohr dem Doktor zu und oeffnete, wie manche Leute
pflegen, den Mund beim Horchen.
"Ja, ich weiss nicht, -- er schreibt ..." antwortete Doktor Leander. "Er
hat, glaube ich, ein Buch veroeffentlicht, eine Art Roman, ich weiss
wirklich nicht ..."
Dieses wiederholte "Ich weiss nicht" deutete an, dass Doktor Leander
keine grossen Stueke auf den Schriftsteller hielt und jede Verantwortung
fuer ihn ablehnte.
"Aber das ist ja sehr interessant!" sagte Herrn Kloeterjahns Gattin. Sie
hatte noch nie einen Schriftsteller von Angesicht zu Angesicht gesehen.
"O ja", erwiderte Doktor Leander entgegenkommend. "Er soll sich eines
gewissen Rufes erfreuen ..." Dann wurde nicht mehr von dem
Schriftsteller gesprochen.
Aber ein wenig spaeter, als die neuen Gaeste sich zurueckgezogen hatten und
Doktor Leander ebenfalls das Konversationszimmer verlassen wollte, hielt
Herr Spinell ihn zuruek und erkundigte sich auch seinerseits.
"Wie ist der Name des Paares?" fragte er ... "Ich habe natuerlich nichts
verstanden."
"Kloeterjahn", antwortete Doktor Leander und ging schon wieder.
"_Wie_ heisst der Mann?" fragte Herr Spinell ...
"_Kloeterjahn_ heissen sie!" sagte Doktor Leander und ging seiner
Wege. -- Er hielt gar keine grossen Stueke auf den Schriftsteller.
6
Waren wir schon soweit, dass Herr Kloeterjahn in die Heimat zuruekgekehrt
war? Ja, er weilte wieder am Ostseestrande, bei seinen Geschaeften und
seinem Kinde, diesem rueksichtslosen und lebensvollen kleinen Geschoepf,
das seiner Mutter sehr viele Leiden und einen kleinen Defekt an der
Luftroehre gekostet hatte. Sie selbst aber, die junge Frau, blieb in
>Einfried< zurueck, und die Magistratsraetin Spatz schloss sich ihr als
aeltere Freundin an. Das aber hinderte nicht, dass Herrn Kloeterjahns
Gattin auch mit den uebrigen Kurgaesten gute Kameradschaft pflegte, zum
Beispiel mit Herrn Spinell, der ihr zum Erstaunen aller (denn er hatte
bislang mit keiner Seele Gemeinschaft gehalten) von Anbeginn eine
ausserordentliche Ergebenheit und Dienstfertigkeit entgegenbrachte, und
mit dem sie in den Freistunden, die eine strenge Tagesordnung ihr liess,
nicht ungern plauderte.
Er naeherte sich ihr mit einer ungeheuren Behutsamkeit und Ehrerbietung
und sprach zu ihr nicht anders als mit sorgfaeltig gedaempfter Stimme, so
dass die Raetin Spatz, die an den Ohren krankte, meistens ueberhaupt nichts
von dem verstand, was er sagte. Er trat auf den Spitzen seiner grossen
Fuesse zu dem Sessel, in dem Herrn Kloeterjahns Gattin zart und laechelnd
lehnte, blieb in einer Entfernung von zwei Schritten stehen, hielt das
eine Bein zurueckgestellt und den Oberkoerper vorgebeugt und sprach in
seiner etwas behinderten und schluerfenden Art leise, eindringlich und
jeden Augenblick bereit, eilends zurueckzutreten und zu verschwinden,
sobald ein Zeichen von Ermuedung und Ueberdruss sich auf ihrem Gesicht
bemerkbar machen wuerde. Aber er verdross sie nicht; sie forderte ihn auf,
sich zu ihr und der Raetin zu setzen, richtete irgendeine Frage an ihn
und hoerte ihm dann laechelnd und neugierig zu, denn manchmal liess er sich
so amuesant und seltsam vernehmen, wie es ihr noch niemals begegnet war.
"Warum sind Sie eigentlich in >Einfried" fragte sie. "Welche Kur
gebrauchen Sie, Herr Spinell?"
"Kur? ... Ich werde ein bisschen elektrisiert. Nein, das ist nicht der
Rede wert. Ich werde Ihnen sagen, gnaedige Frau, warum ich hier bin. -- Des
Stiles wegen."
"Ah!" sagte Herrn Kloeterjahns Gattin, stuetzte das Kinn in die Hand und
wandte sich ihm mit einem uebertriebenen Eifer zu, wie man ihn Kindern
vorspielt, wenn sie etwas erzaehlen wollen.
"Ja, gnaedige Frau. >Einfried< ist ganz empire, es ist ehedem ein Schloss,
eine Sommer-Residenz gewesen, wie man mir sagt. Dieser Seitenfluegel ist
ja ein Anbau aus spaeterer Zeit, aber das Hauptgebaeude ist alt und echt.
Es gibt Zeiten, in denen ich das empire einfach nicht entbehren kann, in
denen es mir, um einen bescheidenen Grad des Wohlbefindens zu erreichen,
unbedingt noetig ist. Es ist klar, dass man sich anders befindet zwischen
Moebeln weich und bequem bis zur Laszivitaet, und anders zwischen diesen
gereadlinigen Tischen, Sesseln und Draperieen ... Diese Helligkeit und
Haerte, diese kalte, herbe Einfachheit und reservierte Strenge verleiht
mir Haltung und Wuerde, gnaedige Frau, sie hat auf die Dauer eine innere
Reinigung und Restaurierung zur Folge, sie hebt mich sittlich, ohne
Frage...."
"Ja, das ist merkwuerdig", sagte sie. "Uebrigens verstehe ich es, wenn ich
mir Muehe gebe."
Hierauf erwiderte er, dass es irgendwelcher Muehe nicht lohne, und dann
lachten sie miteinander. Auch die Raetin Spatz lachte und fand es
merkwuerdig; aber sie sagte nicht, dass sie es verstuende.
Das Konversationszimmer war geraeumig und schoen. Die hohe, weisse
Fluegeltuer zu dem anstossenden Billard-Raume stand weit geoeffnet, wo die
Herren mit den unbeherrschten Beinen und andere sich vergnuegten.
Andererseits gewaehrte eine Glastuer den Ausblick auf die breite Terrasse
und den Garten. Seitwaerts davon stand ein Piano. Ein gruenausgeschlagener
Spieltisch war vorhanden, an dem der diabetische General mit ein paar
anderen Herren Whist spielte. Damen lasen und waren mit Handarbeiten
beschaeftigt. Ein eiserner Ofen besorgte die Heizung, aber vor dem
stilvollen Kamin, in dem nachgeahmte, mit gluehroten Papierstreifen
beklebte Kohlen lagen, waren behagliche Plauderplaetze.