Aladdin und die Wunderlampe written by Ludwig Fulda
L >>
Ludwig Fulda >> Aladdin und die Wunderlampe
Note: Project Gutenberg also has an HTML version of this
file which includes the original illustrations.
See 14221-h.htm or 14221-h.zip:
(http://www.gutenberg.net/dirs/1/4/2/2/14221/14221-h/14221-h.htm)
or
(http://www.gutenberg.net/dirs/1/4/2/2/14221/14221-h.zip)
ALADDIN UND DIE WUNDERLAMPE
Tausend und einer Nacht nacherzaehlt
von
LUDWIG FULDA
Mit Bildern von Max Liebert
Verlag von Ullstein & Co, Berlin 1912
[Illustration: K]
Kommt, Kinder, fasst mich bei der Hand!
Ich fuehr' euch in das Morgenland
Und in sein Maerchenparadies
Auf einem wohlbekannten Pfade.
Vor langen, langen Jahren wies
Ihn die beruehmte Schehersade
Dem argen Sultan Scheherban,
Sodass der greuliche Tyrann--
Weil ihre Kunst, in bunten Bildern
Ihm eine Zauberwelt zu schildern,
Unwiderstehlich ihn berauschte--
Vergessend Speis' und Trank und Ruh',
Ihr volle tausend Naechte lauschte
Und eine weitre noch dazu.
Von jenen koestlichen Geschichten,
Mit denen sie sein Ohr betoert,
Will ich euch eine nun berichten;
Seid also maeuschenstill und hoert:
In einer Hauptstadt fern im Osten,
So fern, dass nur mit viel Gefahr
Und ungeheuren Reisekosten
Man ihr zu nahn imstande war,
Jedoch so reich an Herrlichkeiten,
Dass niemand ihresgleichen sah,
Dort lebte vor geraumen Zeiten
Ein Buerger namens Mustapha
Mit seiner Frau und seinem Sohn.
Sein Brot erwarb er sich als Schneider;
Sein Handwerk aber trug ihm leider
Trotz allem Fleiss nur magren Lohn,
Und knapp war drum bei ihm bemessen
Das Mittag- wie das Abendessen.
Den Sohn--man hiess ihn Aladdin--
Konnt' er nur mangelhaft erziehn;
So ward aus dem ein rechter Flegel,
Der gut tat, nur solang' er schlief,
Der schon fruehmorgens in der Regel
Barfuessig auf die Gasse lief,
Sich dort herumtrieb nach Belieben
Mit andern kleinen Tagedieben
Und, bis ihm durch ihr Heer von Sternen
Den Heimweg zeigen liess die Nacht,
Auf jeden Unfug war bedacht,
Sich aber straeubte, was zu lernen.
Der Vater hieb den Arm sich lahm,
Sah schliesslich ein, mit solchem Rangen
Sei nichts Gescheites anzufangen,
Und wurde krank und starb vor Gram.
Der Bursch, nun fuenfzehn Jahr' schon alt,
Gross, schlank, fast maennlich von Gestalt,
Statt auf die Hosen sich zu setzen
Fuer seiner Mutter Unterhalt,
Fuhr fort, auf oeffentlichen Plaetzen
Herumzulungern ohne Ziel
Und seine Tage zu vergeuden
In rohen Muessiggaengerfreuden,
In plumpem Spass und wildem Spiel.
Einst, als er in gewohnter Art
Sich raufte mit der Gassenjugend,
Merkt' er, dass eifrig nach ihm lugend
Ein fremder Mann mit schwarzem Bart
Und afrikanischen Gewaendern
Ihm scheinbar im Vorueberschlendern
Sich naeherte. Der Fremde blieb
Dicht vor ihm stehn und sprach: "Vergib,
Mein junger Freund, und lass mich wissen:
Wer ist dein Vater?" Aladdin
Versetzte: "Laengst schon hat mir ihn
Des Todes rauhe Hand entrissen.
Im Leben hiess er Mustapha."
Die hellen Traenen rollten da
Dem Fremdling ueber beide Wangen:
"O Glueck, dass ich, mein Sohn, dich treffe,"
Sprach er mit zaertlichem Umfangen;
"Du bist ja mein geliebter Neffe.
Dein Vater war mein Bruderherz;
Ich aber bin ununterbrochen
Schon auf der Reise hundert Wochen,
Um ihn zu sehn. Drum hat der Schmerz
Mich bei der Nachricht uebermannt
Von seinem traurigen Geschicke;
Hab' ich doch gleich beim ersten Blicke
Dich an der Aehnlichkeit erkannt!"
Drauf hiess er ihn die Mutter gruessen
Und zog ein Beutelchen heraus
Und gab ihm Geld.
Auf raschen Fuessen
Lief Aladdin vergnuegt nach Haus,
Um seiner Mutter klipp und klar
Den ganzen Handel zu erzaehlen.
Die Mutter konnt' ihm nicht verhehlen,
Wie sehr sie drob verwundert war.
Mit rechten Dingen kaum geschah's!
Wo war der Oheim hergekommen,
Da sie doch nie zuvor vernommen
Von einem Bruder Mustaphas?
Doch weil das Gelb gar lustig klang,
Zerbrach sie sich den Kopf nicht lang;
Und abends wollten beide grad
Von ihrem kargen Mahle naschen,
Als jener Mann mit vollen Flaschen
Und Fruechten in die Stube trat,
Um selber sich zu Gast zu laden.
Von Ruehrung ueberwaeltigt schier
Blickt' er sich um, als woll' er hier
Von neuem sich in Traenen baden,
Und sagte: "Teure Schwaegerin,
Wohl vierzig Jahre flossen hin,
Seit ich dies Heimatland verlassen,
Um in der Fremde Fuss zu fassen
Und dem ertraeumten Gluecke nach
Den halben Erdkreis zu durchstreifen;
Es laesst sich also gut begreifen,
Dass nie mein Bruder von mir sprach.
Nun aber endlich heimgekehrt
Und trostlos, weil an seinem Herd
Ich ihn lebendig nicht mehr finde,
Den sehnsuchtsvoll ich suchte--nun
Will wenigstens ich seinem Kinde,
Was ich vermag, zuliebe tun."
Zu Aladdin gewandt hierbei,
Begann er freundlich ihn zu fragen,
In welchem Handwerk er beschlagen
Und welcher Zunft beflissen sei.
Der Bursche schwieg verlegen still;
Die Mutter aber sprach betruebt:
"Kein Handwerk hat er je geuebt,
Weil er durchaus nichts lernen will.
Da hilft kein Warnen und kein Schelten;
Ich glaube wahrlich, dass noch selten
Es einen solchen Faulpelz gab.
Er bringt mich an den Bettelstab,
Und naechstens weis' ich ihm die Tuere.
Sein Vater wuerde sich im Grab
Umdrehn, wenn er davon erfuehre."
Der Fremdling mahnte drauf den Jungen
In mildem, vaeterlichem Ton:
"Das ist nicht wohlgetan, mein Sohn;
Doch treibt man etwas nur gezwungen,
Dann wird es einem leicht vergaellt.
Berufe gibt es viel auf Erden;
Du musst nicht grad ein Schneider werden,
Und wenn kein Handwerk dir gefaellt,
So will ich gerne mich verpflichten,
Im feinsten staedtischen Bazare
Dir einen Laden einzurichten
Mit Linnenzeug, mit Seidenware,
Kostbaren Teppichen und Stoffen,
Sodass Gewinn und neuer Kauf
Dir Wohlstand bringt. Gesteh' mir offen:
Wie nimmst du diesen Vorschlag auf?"
Der Schlingel, ohne lang' zu schwanken,
Erklaerte schmunzelnd sich bereit;
Die Mutter schwamm in Seligkeit,
Hiess ihn sich tausendmal bedanken
Und zweifelte nicht laenger dran,
Der unbekannte Biedermann,
Der gleich ein ganzes Warenlager
Dem Sohn zu schenken sich erbot,
Sei niemand anders als ihr Schwager.
Am naechsten Tag ums Morgenrot
Erschien der neue Oheim wieder,
Nahm seinen lieben Neffen mit,
Ging ihm zur Seite Schritt fuer Schritt
In den Bazaren auf und nieder,
hielt an vor einem Kleiderstand
Und bat ihn, aus dem dichten Schwalle
Sich auszusuchen ein Gewand,
Das ihm besonders gut gefalle.
Freigebig kauft' er ihm dazu
Noch Turban, Guertel, Struempfe, Schuh',
Bis von dem Scheitel zu den Zehen
Er einem jungen Prinzen glich.
"Du sollst nun alle Tage mich
Begleiten beim Spazierengehen,"
Sprach sein Beschuetzer grossmutvoll;
"Denn freien Blick und Welterfahrung
Braucht, wer ein Kaufmann werden soll.
Dem Geist wird muehelos die Nahrung
Geboten, deren er bedarf,
Wenn klar das Auge sieht und scharf.
Einsaugen wirst auf unsern Gaengen
Die Bildung du wie Luft und Licht
Und laeufst bei solchem Unterricht
Niemals Gefahr, dich anzustrengen."
Gesagt, getan. Sie gingen beide
Von jetzt ab taeglich durch die Stadt,
Und Aladdin, im neuen Kleide
Stolz wie ein Pfau, ward nimmer satt,
Sich wissbegierig anzusehn,
Was ihm sein guter Oheim zeigte.
Sie wandelten durch weitverzweigte
Gewoelbe, Hallen und Moscheen,
Betrachteten die schoensten Laeden,
Der Strassen emsiges Gewuehl,
Die Brunnen, draus erquickend kuehl
Das Wasser schoss in Silberfaeden,
Von hohen Palmen ueberschattet,
Und drangen durch ein Gittertor,
Wo freier Zutritt war gestattet,
zum Prachtpalast des Sultans vor.
Auch pilgerten sie manchen Tag,
Die Glieder doppelt ruestig regend,
Hinaus in die begruente Gegend,
Bis fern die Stadt im Ruecken lag
Und zu den Gaerten sie gelangten,
Drin unter ueppigem Gerank
Die wundersamsten Blumen prangten,
Umspuelt von Teichen spiegelblank.
[Illustration: Aladdin im Zaubergarten]
2.
[Illustration: N]
Nachdem auf solchen Wanderungen
Manch reizend Fleckchen sich dem Jungen
Erschlossen, fuehrte sein Begleiter
Auf nie zuvor betretnem Pfad
Ihn eines Morgens weit und weiter,
Aufwaerts und abwaerts, krumm und grad.
Bald war kein menschlich Wesen rings
Und auch kein Haus mehr zu entdecken;
Doch unaufhaltsam weiter ging's.
Schon tuermte hinter oeden Strecken
Sich des Gebirges steile Mauer;
Das Tal, von Felsen eingezwaengt,
Ward allgemach zur Schlucht verengt,
Und endlich, von des Marsches Dauer
Erschoepft, haett' Aladdin sich gerne
Zur Rueckkehr wieder umgewandt;
Sein Oheim aber sprach: "Halt' stand!
Ist unser Ziel doch nicht mehr ferne.
Noch ein paar Schritte durch das Tal--
Was ich sodann dir zeigen werde,
Das wirst auf der gesamten Erde
Du nicht erspaehn zum zweitenmal."
So setzten ihren Weg sie fort
Und kamen bis zu einem Ort,
Den riesenhafte Felsenwaelle
Allseitig schienen zu verrammeln.
Der Oheim rief: "Wir sind zur Stelle!"
Er hiess ihn trocknes Reisig sammeln,
Schlug Feuer, das bald lustig spruehte,
Warf Raeucherwerk aus einer Duete
Hinein und murmelte dann leise,
Sobald sich Qualm und Schwefelduft
Verbreiteten in dichtem Kreise,
Seltsame Formeln in die Luft.
Da gab's ein Krachen und ein Beben,
Als stuerzten Erd' und Himmel ein;
zutage trat ein Quaderstein
Und in der Mitte dran, zum Heben,
Ein Ring aus Eisen. Aladdin,
Von Angst geschuettelt, wollte fliehn;
Der Oheim aber hieb sogleich
Ihm einen solchen Backenstreich,
Dass ihm der Kopf geriet ins Wackeln,
Und sprach: "Mein Sohn, ich bin dir jetzt
Als zweiter Vater vorgesetzt;
Kein Straeuben duld' ich und kein Fackeln.
Gehorch' mir, und du wirst erproben,
Wie sehr dir's frommt. An diesem Platz
Liegt ein fuer dich bestimmter Schatz,
Der, wenn du gluecklich ihn gehoben,
Dich reicher macht als alle Reichen
Der ganzen Welt. Den Quaderstein
Darf niemand ausser dir allein
Beruehren; dir nur wird er weichen."
[Illustration: Aladdins Oheim murmelt eine Zauberformel]
Und richtig, als nach bangem Saeumen
Der Bursch am Eisenringe zog,
Konnt' er den Stein beiseite raeumen,
Obwohl er hundert Zentner wog,
Und er gewahrte drunter Stufen
Nebst einer Tuer. "In diesen Schacht
zu steigen bist nur du berufen,"
Begann der Oheim; "drum gib acht
Auf alles, was ich nun dafuer
Zu deinem Schutz dir anempfehle.
Geoeffnet findest du die Tuer;
Sie fuehrt in drei gewoelbte Saele.
In jedem stehn vier grosse Becken
Voll Gold und Silber; doch lass ab,
Die Hand nach ihnen auszustrecken.
Schuerz' auch dein Kleid und guert' es knapp;
Denn streift es irgendwo die Waende,
So musst du deinen Tod erwarten.
An jenes dritten Saales Ende
Wird auftun sich vor dir ein Garten,
Bepflanzt mit Baeumen mannigfalt,
Ein jeder voll mit Frucht behangen.
Geh' nur gradaus, dann wirst du bald
Zu einer Treppe hingelangen;
Ersteige sie getrost: sie muendet
Auf eine stattliche Terrasse;
In einer Nische angezuendet
Steht eine Lampe dort. Die fasse,
Verloesch' sie, giess' die Fluessigkeit
Mitsamt dem Docht heraus, verhuelle
Sie sorgsam unter deinem Kleid
Und bring' sie mir. Wenn dich die Fuelle
Des Gartens etwa lockt, so pflueck'
Auf deinem Weg hierher zurueck
Dir von den Fruechten nach Belieben.
Und nun, zu deinem eignen Glueck
Befolg', was ich dir vorgeschrieben."
Er steckte noch fuer jeden Fall
Ihm einen Ring an seinen Finger;
Der werde sich als Hilfebringer
Bewaehren stets und ueberall.
So stieg denn Aladdin hinunter;
Die Saele fand er laut Bericht,
Beruehrte deren Waende nicht,
Kam in den Garten, eilte munter
Hinan die Treppen zur Terrasse,
Sah Nisch' und Lampe dort, verfuhr
Streng nach Geheiss, damit er nur
Vom Auftrag keinen Punkt verpasse,
Und kehrte, nun er unterm Kleide
Die Lampe sicher hielt verwahrt,
Zum Garten um. O Augenweide!
Denn Fruechte von verschiedner Art
Trug leuchtend jeder Baum zur Schau,
Teils hell, teils dunkel, weiss und blau,
Rot, gelblich, violett und gruen,
Und allesamt in buntem Scheine
Durchsichtig wie von innrem Gluehn.
Es waren lauter Edelsteine.
Da flammten, funkelten und brannten
Tuerkise, Perlen, Diamanten,
Smaragd, Rubin, Saphir, Topas
Von gaenzlich beispiellosem Werte.
Doch Aladdin, der unbelehrte,
Hielt sie fuer nur gefaerbtes Glas.
Er haette lieber von den Zweigen
Sich suesse Trauben oder Feigen
Gepflueckt; als Spielzeug aber war
Der bunte Tand ganz annehmbar.
Drum nahm er sich von jeder Sorte,
So viel er in die Taschen zwang,
Schritt die drei Saele sacht entlang
Und kam zurueck zur Eingangspforte.
Den Oheim, der mit allen Zeichen
Der Ungeduld hier Wache stand,
Bat er, zur Hilf' ihm seine Hand
Beim Ausstieg aus dem Schacht zu reichen.
Der aber rief in einem groben
Befehlerton: "Die Lampe her!"
"Du sollst sie haben nach Begehr,"
Sprach Aladdin, "sobald ich oben."
Der Oheim schrie mit steter Steigrung:
"Die Lampe!" Doch voll Eigensinn
Blieb Aladdin bei seiner Weigrung:
"Wart', bitte, bis ich oben bin."
Des Oheims Wut ward ungeheuer;
Schnell goss er Raeucherwerk ins Feuer,
Indem er eine Formel schnaubte.
Der Quader klappte drauf im Nu
Dem Aladdin grad ueberm Haupte
Wie eines Kastens Deckel zu.--
Wer wird aus diesem Oheim klug?
Ein Bruder Mustaphas? Behuete!
Verwandtschaft, Ruehrung, Herzensguete
War samt und sonders Lug und Trug.
Ein Zaubrer war's, nicht hier geboren,
Nein, fern in Afrika daheim,
Und hatte diesen Vogelleim
Aus gutem Grund sich auserkoren.
Nachdem er naemlich festgestellt
Durch Hexerei, dass in der Welt
Es eine Wunderlampe gebe,
Die zu der hoechsten Macht erhebe,
Ja, Geister faehig sei zu binden,
Hatt' er in einem Zauberbuch
Nach manch vergeblichem Versuch
Den Ort entdeckt, wo sie zu finden,
Und so, von Habgier angefacht,
Flugs auf die Reise sich gemacht.
Doch weil ihm ein Gesetz verwehrte,
Selbst in das Schatzgewoelb' zu dringen,
Deswegen war vor allen Dingen
Er einem Werkzeug auf der Faehrte,
Das ihm dazu geeignet schien.
Sein Auge fiel auf Aladdin
Als einen unerfahrnen Knaben;
Wenn ihm die Lampe der geschafft,
Dann durch der Zauberformel Kraft
Wollt' er lebendig ihn begraben,
Damit er nichts davon verriete.
Und nun? Gescheitert war der Plan,
Die jahrelange Mueh' vertan!
Statt des Gewinnes eine Niete!
Vorzeitig hatte ja sein Zorn
Auf immerdar den Wunderborn
Mitsamt der Lampe zugeriegelt,
Und alle seine Kunst und List
Haett' ihn kein zweites Mal entsiegelt.
So, mit sich selbst in argem Zwist,
Von Grimm gefoltert und von Scham,
Vermied er's, laenger zu verweilen,
Und reiste wieder tausend Meilen
Dahin zurueck, woher er kam.
3.
[Illustration: W]
Wer schildert Aladdins Entsetzen,
Als er sich hilflos, wie ein Fink
In eines Vogelfaengers Netzen,
Verstrickt sah durch des Zaubrers Wink!
Vergebens, dass er laut und schrille
Nach dem vermeinten Oheim rief;
Mit Bleigewicht bedeckte tief
Ihn Dunkelheit und Grabesstille.
Vergebens, dass ihn Furcht und Schauer
zurueck durch die drei Saele trieb;
Der Zugang zu dem Garten blieb
Verschlossen wie durch eine Mauer,
Und nicht imstand, sich zu befrei'n
Aus diesem schrecklichen Gefaengnis,
Fing in verzweifelter Bedraengnis
Er an zu weinen und zu Schrei'n,
Bis endlich vor Entkraeftung krank
Er auf den Boden niedersank.
So, nicht imstand mehr, sich zu regen,
Lag er entbehrend Speis' und Trank
Und blickte seinem Tod entgegen
Zwei Tage lang. Zuletzt am dritten,
Als er die schwachen Haende hob,
Um Gottes Beistand zu erbitten,
Da--ganz von ungefaehr--verschob
An seinem Finger sich der Ring,
Der ihm vom Zaubrer angesteckt war,
Und dessen Kraft ihm noch verdeckt war.
Bevor ein Augenblick verging,
Erhob auf einmal, fuerchterlich
Von Wuchs und Antlitz und Gebaerde,
Ein Geist sich vor ihm aus der Erde
Und sagte: "Was begehrst du? Sprich!
Dein Sklav' bin ich und aller derer,
Die diesen Ring am Finger tragen."
Zwar fiel vor Schreck und scheuem Zagen
Dem Aladdin das Sprechen schwerer
Als je zuvor; doch nur bedacht
Auf Rettung, gab er schnell dem Geist
Zur Antwort: "Wer du immer seist,
Hilf mir, sofern's in deiner Macht,
Aus diesem schauerlichen Orte!"
Gesprochen waren kaum die Worte,
Da fand er sich bei Tageshelle,
Nachdem er einen Ruck verspuert,
Im Freien wieder an der Stelle,
Wohin der Zaubrer ihn gefuehrt.
Doch zeigte sich kein Quader mehr
Und keine Tuer zum Gruftgemaeuer;
Nur vom erloschnen Reisigfeuer
Ein Haeuflein Asche lag umher.
Zwar froh, jedoch zum Sterben matt
Und halb verhungert, suchte gierig
Er nach dem Heimweg in die Stadt.
Zum Glueck war das nicht allzu schwierig.
Die Felsen halfen eng und dicht
Ihm auf den schmalen Pfad gelangen,
Den vor drei Tagen er begangen.
Die Gaerten kamen bald in Sicht,
Und weit schon gruessten ihn voraus
Die wohlbekannten Tuerm' und Daecher.
Er schleppte, schwach und immer schwaecher,
Sich bis zu seiner Mutter Haus
Und schlug, sobald er es betreten,
Ohnmaechtig in der Stube hin.
Die Mutter, die von Anbeginn
Die Zeit mit Weinen und mit Beten
Verbracht und ihn zuletzt, beraubt
Jedweder Hoffnung, tot geglaubt,
War auf das eifrigste bestrebt,
Ihn wieder zu sich selbst zu bringen;
Er aber sagte, kaum belebt:
"Ach, Mutter, hol' vor allen Dingen
Mir was zu essen her; denn fasten
Musst' ich drei Tage ganz und gar."
Sie gab ihm, was im Hause war,
Und warnt' ihn, sich zu ueberhasten,
Denn was man rasch hinunterwuerge,
Das koenne man nicht gut verdau'n,
Und nur damit er ihr verbuerge,
Langsam und ordentlich zu kau'n,
Drum solle, waehrend er bei Tisch,
Ihn keine Frag' und Antwort quaelen;
Er moeg' ihr eher nichts erzaehlen,
Als bis er gaenzlich satt und frisch.
Er folgte diesem guten Rat,
Indem er so nur Stumm beschaeftigt
Dem Leibeswohl Genuege tat.
Dann aber, durch das Mahl gekraeftigt,
Beschrieb im kleinen und im grossen
Er nach der Reihe ganz genau,
Was ihm inzwischen zugestossen;
Er wies, als ihm die wackre Frau
Nicht wollte glauben und drauf schwor,
Dass er getraeumt, an seinem Finger
Den Ring und zog die bunten Dinger,
Die er vom Baum gepflueckt, hervor.
Auch sie, weil nirgends noch dergleichen
Sie je gewahrt und stets verkehrt
Mit armen Leuten, nie mit reichen,
Verkannte voellig deren Wert.
Sie meinte zwar, dass ihr Besitzer
Sich an dem farbigen Geglitzer
Erfreuen koennte; doch dies Lob
Erschien dem Sohne nicht betraechtlich,
Weshalb er sie beinah veraechtlich
In irdgendeine Lade schob.
Die mitgebrachte Lampe kam
Nicht besser weg; zu keinem Zwecke
Schien tauglich dieser Troedelkram,
Als um zu rosten in der Ecke.
Zuletzt gestanden sich die Zwei,
Die Schuld an all dem Unheil trage
Des falschen Oheims Schurkerei;
Denn klaerlich trat es nun zutage,
Dass Aladdin von diesem Boesen
Geweiht war schnoedem Untergang
Und nur durch Zufall ihm gelang,
Sich lebend aus dem Garn zu loesen.
Die Mutter liess zu Schimpf und Schmach
Des Zaubrers manchen Fluch erschallen;
Doch waren, noch dieweil sie sprach,
Dem Sohn die Augen zugefallen.
Er hatte ja zwei volle Naechte
Vom Schlaf gemieden zugebracht;
Drum heischte der schon vor der Nacht
Heut unbezwinglich seine Rechte.
Halb zog, halb trug mit treuem Sorgen
Die Frau den Taumelnden zu Bett;
Da lag er reglos wie ein Brett
Und schnarchte bis zum spaeten Morgen.
Kaum aber war er endlich wach,
Als auch sein Hunger wiederkehrte
Und nach dem Fruehstueck er begehrte.
Doch seufzend rief die Mutter: "Ach,
Ich habe keinen Bissen Brot;
Denn alles, was ich noch besessen,
Das hast du gestern aufgegessen.
Wie helfen wir uns aus der Not?
Ich muss erst wieder naeh'n und spinnen,
Bevor ich was verdienen kann."
"Nein, Mutter, sorg' dich nicht," begann
Der Sohn nach einigem Besinnen.
"Fuer unsern heutigen Bedarf
Genuegt's, die Lampe zu verkaufen,
Die gestern ich beiseite warf.
Ich will mit ihr zum Haendler laufen;
Der wird gewiss mir einen Groschen
Dafuer bezahlen oder zwei."
Die Mutter holte sie herbei
Und sprach: "Ihr Glanz ist laengst erloschen;
Auch ist von Staub und Rost und Schmutze
Von oben sie bis unten voll;
Wenn sie der Haendler kaufen soll,
Ist's ratsam, dass ich erst sie putze."
So nahm sie Wasser denn und Sand;
Kaum aber hatte sie zu scheuern
Begonnen mit geuebter Hand,
Da stieg in einer Ungeheuern
Und grauenhaften Schreckgestalt,
Des Zimmers ganzen Raum erfuellend,
Ein Geist vor ihr herauf, der bruellend
Mit markerschuetternder Gewalt
Sie anfuhr: "Was ist dein Begehr?
Um dir zu dienen, komm' ich her.
Gehorchen muss ich jedermann,
Der diese Lampe haelt in Haenden."
Allein, bevor er Zeit gewann,
Um seine Rede zu vollenden,
Fiel, ausserstand, sich zu bemeistern,
Die Mutter um und rang nach Luft.
[Illustration: Das Erscheinen des Geistes]
Doch Aladdin, der in der Gruft
Gelernt, wie man mit solchen Geistern
Verfaehrt, ergriff die Lampe schnell
Und saeumte nicht, ihm zu befehlen:
"Ein gutes Fruehstueck schaff' zur Stell'!"
Der Geist verschwand. Nicht drei zu zaehlen
Vermochte man, da kam er wieder
Mit einer grossen Silberplatte
Und setzte sie behutsam nieder.
Was irgend man zu wuenschen hatte,
Das bot sich drauf in Fuelle dar:
Zwoelf Silberschuesseln, drin ein feines
Und reiches Mahl enthalten war,
Zwei Flaschen voll erlesnen Weines,
Vier Brote von dem besten Mehl,
Kurzum ein Fruehstueck ohne Fehl.
Die Mutter lag in Ohnmacht noch,
Wie sich der Geist bereits empfohlen,
Und konnt' erst langsam sich erholen,
Indem den wuerzigen Duft sie roch.
Der Sohn erfasste sie beim Arm
Und draengte sie, den guten Speisen
Geziemend Ehre zu erweisen;
Denn ewig blieben sie nicht warm.
Sie sprach, verbluefft im hoechsten Grade:
"Woher denn dieser Ueberfluss?
Zeigt uns der Sultan seine Gnade?"
Drauf Aladdin: "Zuerst Genuss,
Erklaerungen dann hinterdrein."
Und unbedenklich hieb er ein.
Die Mutter, vor Erstaunen wirr,
Betrachtete bei jeder Pause,
Die stattfand zwischen ihrem Schmause,
Das schoene silberne Geschirr,
Und als die Zwei gesaettigt, lag
Noch ganz genug in jeder Schuessel
Fuer diesen und den naechsten Tag.
Sie fragte wieder nach dem Schluessel
Zu diesem seltsamen Erlebnis,
Und als der Sohn ihr wahrheitstreu
Geschildert hatte das Begebnis,
Versetzte sie voll banger Scheu:
"Mit Geistern ist nicht gut zu scherzen;
Drum folg' mir, wirf die Lampe fort
Und nimm den Druck von meinem Herzen."
"Nein," rief er, "einen solchen Hort
Soll, wer ihn einmal hat, behueten.
Nun ist, was erst ich nicht begriff,
Mir klar--des falschen Oheims Kniff
Sowie der Grund von seinem Wueten.
Durchaus die Lampe wollt' er haben,
Weil sie versehn mit Wundergaben,
Und jetzt mit Recht gehoert sie mir.
Ich will sie bergen zwar und Schuetzen
Vor unsrer Nachbarn Neid und Gier,
Im Notfall aber sie benuetzen,
Sie und den Ring an meiner Hand.
Vertrauen darf ich meinem Gluecke,
Weil dieses Schurken arge Tuecke
Sich so zum Guten hat gewandt."
4.
[Illustration: E]
Einmal geht alles auf die Neige,
Haelt man damit auch sparsam Haus,
Und dass der Hunger dauernd schweige,
Bewirkt kein noch so fetter Schmaus.
Die Schuesseln wurden also leer,
Und Aladdin, dem unterm Gurte
Bereits der Magen wieder knurrte,
Nahm von den zwoelfen eine her
Und trug in seines Mantels Falten
Sie heimlich, um sie feilzuhalten,
Zum Troedler in der naechsten Gasse;
Doch als der hoechst verschmitzte Greis
Die Frage tat, um welchen Preis
Er ihm die Schuessel ueberlasse,
Gestand ihm Aladdin gar ehrlich,
Wieviel sie wert sei, wiss' er nicht.
Der alte Gauner, der begehrlich
Geprueft ihr stattliches Gewicht
Und merkte, dass der junge Fant
Von seinem Schatze nichts verstand,
Gab ihm, damit nicht vorm Verkauf
Er etwas noch davon erfahre,
Geschwind ein Goldstueck fuer die Ware.
Mit diesem flog in muntrem Lauf,
Des Vorteils froh, der ihm erwuchs,
Der Bursch zum Baecker und zum Schlaechter,
Dieweil ihm jener schlaue Fuchs
Nachsah mit leisem Hohngelaechter.
In solcher Art allmaehlich liess
Elf Schuesseln, eine nach der andern,
Wenn ihn die Not von neuem stiess,
Nichtsahnend er zum Troedler wandern.
Nun kam ihm bei dem naechsten Fall
Zu Sinn, die Platte loszuschlagen;
Nur konnt' er die nicht selber tragen;
War viel zu schwer doch ihr Metall.
So bat er, weil er noch nicht klueger
Geworden, jenen Schelm ins Haus,
Und schleunig zahlte der Betrueger
Goldstuecker zehn dafuer ihm aus.
Die zwoelfte Schuessel blieb zurueck.
Nachdem das schoene Geld zerflossen,
Wollt' er zum Troedler kurz entschlossen
Verschleppen auch dies letzte Stueck.
Doch mitten auf dem Wege trat
Ein Goldschmied freundlich ihm entgegen
Und sagte: "Nicht der Neugier wegen
Frag' ich, warum den gleichen Pfad
Ich oft, mein Sohn, dich wandeln sehe.
Hier wohnt ein Troedler in der Naehe;
Hast du mit dem dich eingelassen,
Dann sei gewarnt und sieh dich vor;
Denn jeden haut er uebers Ohr.
Ich will mich gern damit befassen,
Zu schaetzen, was dir etwa feil,
Und nimmer wuerdest du betrogen."
Der Bursche hatte mittlerweil
Die Schuessel aus dem Kleid gezogen.
Die sah der Goldschmied ohne Worte
Von allen Seiten lang sich an
Mit Kennerblick und fragte dann,
Ob er schon andre dieser Sorte
Veraeussert hab' und fuer wieviel.
"Ein Goldstueck hat er mir gegeben,"
Sprach Aladdin. "Bei meinem Leben,
Der Spitzbub kennt nicht Mass noch Ziel,"
Versetzte jener voll Empoerung.
"Mein Sohn, du warst nicht auf der Hut
Und hast in gruendlicher Betoerung
Verschleudert ein betraechtlich Gut.
Fuer solche Schuessel sondergleichen
Ein Goldstueck! O der Ungebuehr!
Denn achtundsechzig will dafuer
Ich auf dem Fleck dir ueberreichen."
Von diesem Tag an war das Darben
Fuer Sohn und Mutter abgestellt,
Und uebermalt mit Rosenfarben
Schien die zuvor so graue Welt.
Wenn ihre Barschaft nicht mehr langte,
Liess Aladdin der Lampe Geist,
Ob auch der Mutter vor ihm bangte,
Erscheinen und gebot ihm dreist,
Ein neues Fruehstueck anzurichten;
Puenktlich vollzog der seine Pflichten.
Die Silberschuesseln und die Platten
Bracht' er hierauf, so oft es Zeit war,
Zum Goldschmied hin, der stets bereit war,
Den vollen Preis ihm zu erstatten.
Fortan drum ward es ihnen leicht,
Bequem zu leben und behaglich;
Doch weil es leider niemals fraglich,
Dass Missgunst hinterm Gluecke schleicht
Und man sich hueten muss vor Neidern,
Vermieden sie trotz gutem Trunk
Und gutem Essen jeden Prunk
In ihrem Haus und ihren Kleidern
Und hielten hinter sich'rem Schloss
Dadurch geheim den goldnen Bronnen,
Der ihnen unversiegbar floss.