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Der Todesgruss der Legionen, Dritter Band written by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow

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Der Todesgruss der Legionen



Zeit-Roman

von

Gregor Samarow.



Dritter Band.




Berlin, 1874.

Druck und Verlag von Otto Janke.




Erstes Capitel.


Der Kaiser Napoleon ging in heftiger Bewegung in seinem Cabinet auf
und nieder; die krankhafte Abgespanntheit, welche sonst auf seinem
Gesicht zu liegen pflegte, war verschwunden, an deren Stelle war eine
lebhafte Aufregung getreten, seine Lippen zuckten, seine Augen blickten
unruhig hin und her, und sein sonst so wohl geordneter Bart war durch
das Spiel seiner zitternden Finger aus der Ordnung gebracht.

Auf seinem Schreibtisch lag eine grosse Anzahl von Telegrammen ueber
einander geworfen. Er hielt eine Photographie in Cabinetformat in der
Hand, die er, von Zeit zu Zeit stehen bleibend, aufmerksam betrachtete.

"Welch eine Anhaeufung von Unruhe und Aufregung," sagte er mit einem
tiefem Athemzug, "die Erwartung wegen des Ausfalls des Plebiscits waere
allein genuegend, um mich in Spannung und in diese so schmerzvolle
Nervenerregung zu versetzen,--da muss noch dieses Complott hinzutreten,
das mir vor zehn Jahren gleichgueltig gewesen waere, das mir auch heute
gleichgueltig ist, so weit es sich dabei um die Gefahr fuer mein Leben
handelt,--diesem Complott aber liegt eine groessere Gefahr zu Grunde. Mein
Tod ist nur ein Theil des Plans, den man hier verfolgt, und so
abenteuerlich und thoericht diese Absicht der Zerstoerung der Tuilerien
und der oeffentlichen Gebaeude im ersten Augenblick erscheinen mag, so
liegt darin doch eine tiefe Kenntniss der so scharf concentrirten
Zustaende. Wuerde der Streich gelungen sein, so gehoerte ganz Frankreich
dem Aufstande. Und," sprach er dumpf, vor sich hin starrend, "bin ich
denn schon sicher, dass er nicht gelingen wird, bin ich sicher, dass was
heute verhindert ist, sich nicht morgen wiederholen kann."

Er blickte lange auf die Photographie, welche er in seiner Hand hielt
und pruefte genau mit scharfem forschendem Blick die Zuege des Bildes.

"Dieser Mensch," sagte er dann, "ist kein Fanatiker,--das ist kein
exaltirter Kopf, der aus ueberspannten Theorien in dem Gedanken sich fuer
eine grosse Idee zu opfern, zum Moerder wird,--dies Gesicht ist gemein und
gleichgueltig. Dieser Mensch ist einfach ein Werkzeug--und wenn er
unschaedlich gemacht wird, kann man Werkzeuge wie ihn ueberall
wiederfinden,--und man wird sie wiederfinden, wenn dieser Zustand
dumpfer Gaehrung weiter besteht, wenn die allgemeine Unzufriedenheit,
wenn das allgemeine Gefuehl der Erniedrigung Frankreichs, das in der That
in diesem Augenblick die oeffentliche Stimmung beherrscht, den tollkuehnen
Unternehmungen der Verschwoerer zu Huelfe kommt. Haben nicht vielleicht
Diejenigen doch Recht," sagte er in tiefem Gedanken, "welche mir rathen,
durch eine militairische Aktion das Gefuehl der Nation wieder mit dem
Kaiserthum zu verbinden."

Er warf die Photographie auf den Tisch und ging die Haende auf den Ruecken
gelegt, den Kopf tief auf die Brust gesenkt mehrere Male langsam im
Zimmer auf und nieder.

"Eine glaenzende Action," sagte er dann--"ja--aber wenn sie nicht
glaenzend waere--wenn das launenhafte Glueck _nicht_ ueber meinen Fahnen
schwebte--was dann? Dann wuerde all das Unheil, welches jetzt unter der
Oberflaeche glimmt, in hellen Flammen emporlodern, und diese Flammen
wuerden ueber den Truemmern meines Gebaeudes zusammenschlagen--warum aber
soll das Glueck sich von mir wenden?" rief er dann stehen bleibend und
den aufleuchtenden Blick seines grossen geoeffneten Auges auf eine
Marmorbueste Caesars richtend, welche auf schwarzem Fuss in der Naehe seines
Schreibtisches stand. "War es mir doch bisher guenstig wie jenem Roemer,
dem Vorbild meines Hauses, der zwar unter den Dolchen der Verschwoerer
fiel, auf dessen Thaten aber sich der glaenzende Thron des Augustus
erbaute,--warum vermag ich nicht mehr an mein Glueck zu glauben--wenn
dieses Plebiscit guenstig ausfaellt, so steht ja wieder der Wille der
ganzen Nation hinter mir, und auf diese neue Kraft gestuetzt, sollte ich
es wohl wagen koennen, dem Glueck zu gebieten, denn das Glueck beugt sich
dem kuehnen Muth und dem festen Entschluss,--aber wenn das Plebiscit
unguenstig ausfaellt," sprach er, wieder in sich zusammensinkend, mit
dumpfem traurigem Ton. "Doch nein," rief er dann, "nein, das ist
unmoeglich, Alles ist gut vorbereitet, und die ersten Nachrichten ueber
den Erfolg der Abstimmungen lauten ueberraschend guenstig."

Er trat an den Tisch und durchblaetterte die auf demselben liegenden
Telegramme. Dann nahm er einen Bleistift, schrieb einige Zahlen ab und
addirte dieselben.

"Paris," sagte er, "Marseille, Toulouse, Bordeaux, die schlimmsten
Staedte haben abgestimmt, und dennoch ergiebt sich nach den vorliegenden
Nachrichten bereits eine Summe von einer Million 400,000 Stimmen fuer
"Ja" und nur 200,000 fuer "Nein." Wenn es so weiter geht, so ist der Sieg
gewiss."

Der Dienst thuende Kammerdiener meldete den Gross-Siegelbewahrer.

"Er ist willkommen," rief der Kaiser lebhaft und ging rasch nach der
Thuer hin, durch welche Herr Ollivier laechelnd und freudig bewegt
eintrat. Er ergriff mit tiefer Verneigung die dargebotene Hand des
Kaisers, zog dann einige Telegramme aus seiner Tasche und rief, ohne die
Anrede seines Souverains abzuwarten:

"Alles geht vortrefflich, Sire, bis heute morgen war das Resultat von
hundertundsechzig Wahlbezirken bekannt. Die Zahl der eingetriebenen
Waehler betrug 3,671,400 davon haben 2,614,000 mit Ja gestimmt und
432,000 mit Nein. So eben," fuhr er fort, "habe ich dieses zweite
Telegramm erhalten, nach welchem nunmehr bis auf sechsundzwanzig
Wahlbezirke die Resultate saemmtlich bekannt sind. Fuer Ja stimmten
hiernach 6,399,000, mit Nein 1,349,000. Die Stimmen der Armee und der
Marine und der Bevoelkerung von Algier sind hierbei noch nicht
mitgerechnet; da die Gesammtzahl der Stimmenden ungefaehr auf acht bis
zehn Millionen anzuschlagen ist, so ist eine colossale Majoritaet bereits
gesichert."

Der Kaiser athmete tief auf und drueckte noch einmal herzlich die Hand
seines Ministers.

"Das Glueck steht mir noch zur Seite," sagte er halblaut, mehr seinem
fruehern Gedankengang folgend, als zu Herrn Ollivier sprechend. "Dies
glaenzende Resultat," sagte er dann mit unendlich liebenswuerdiger
Verbindlichkeit, "habe ich zum grossen Theil meinen Ministern und Ihnen
ins Besondere, mein lieber Herr Ollivier, zu verdanken, da Sie es
verstanden haben, die Sympathien des ganzen Volkes um die kaiserliche
Regierung zu vereinigen, und vielleicht war dieses unglueckliche traurige
Complott, das man entdeckt hat, ebenfalls eine glueckliche Fuegung, da
gerade dadurch dem ganzen Lande klar geworden ist, von welchen Gefahren
die Ordnung des Staats und der Gesellschaft bedroht wird, von Gefahren,
gegen welche nur ein freisinniges und kraftvolles kaiserliches Regiment
Schutz und Rettung bieten kann. Seien Sie ueberzeugt, dass ich die
Dienste, welche Sie dem Lande, mir und meinem Hause geleistet haben,
niemals vergessen werde."

Herr Ollivier verneigte sich mit zufriedenem Laecheln.

"Eure Majestaet haben ganz mit Recht bemerkt," sagte er dann, "dass das
verbrecherische Complott, welches die Wachsamkeit der Polizei vor
einigen Tagen entdeckt, sehr guenstig auf die Theilnahme der gut
gesinnten Bevoelkerung auf die Abstimmungen gewirkt hat,--dessen
ungeachtet" fuhr er fort, "bleibt die Sache sehr zu beklagen, denn
Alles, was man bis jetzt ermittelt hat, zeigt deutlich, dass man es hier
mit einem tief angelegten Plan unversoehnlicher Verschwoerer zu thun hat,
und ich bitte Eure Majestaet zu genehmigen, dass nicht wie in fruehern
aehnlichen Faellen die Angelegenheit mit der Ihnen persoenlich so nahe
liegenden Milde behandelt, sondern dass hier mit der aeussersten Strenge
vorgegangen werde, um ein fuer allemal ernstlich und nachdruecklich von
aehnlichen Unternehmungen abzuschrecken.

"Es widerstrebt mir," sagte der Kaiser mit einem sanften weichen
Ausdruck, "Unternehmungen, welche gegen meine Person und mein Leben
gerichtet sind, mit aeusserster Strenge zu verfolgen. Nach meinem Gefuehl
moechte ich Wahnsinnige, die derartiges versuchen, am liebsten voellig
ungestraft lassen, und das um so mehr in einem Augenblick, in welchem
mir das ganze Volk auf eine so glaenzende Weise sein Vertrauen bezeigt.
Doch," fuhr er ernster fort, "es handelt sich hier nicht allein um mich,
man hat nicht nur mich bedroht, sondern zugleich die Sicherheit des
ganzen Staatsgebaeudes, wie ich dasselbe unter Mitwirkung der besten
Kraefte des Landes und der Acclamation des ganzen Volkes errichtet habe;
hier darf keine Milde walten! Was hat man weiter entdeckt," fuhr er
fort. "Ich bin sehr gespannt auf die Ermittelung des Zusammenhangs der
Verschwoerung."

"Der Polizeipraefect befindet sich in Eurer Majestaet Vorzimmer,"
erwiderte Herr Ollivier, "und wenn Sie es erlauben, kann er hier
sogleich seinen Bericht erstatten, und Eure Majestaet koennen die
Massregeln genehmigen, welche ich zur gerichtlichen Verfolgung der
Verbrecher und zum Schutz der oeffentlichen Sicherheit vorschlagen
moechte."

Der Kaiser neigte zustimmend den Kopf.

Herr Ollivier ging hinaus und kehrte nach wenigen Augenblicken mit dem
Polizeipraefecten Pietri zurueck, dessen bleiches, scharfes Gesicht
unbeweglich und kalt wie immer war und dessen scharfe Augen fast noch
stechender als gewoehnlich unter dem tiefen Schatten der vorspringenden
Stirn hervorblickten.

Auf den Wink des Kaisers nahmen der Justizminister und der
Polizeipraefect neben dem Schreibtisch Platz, waehrend Napoleon sich in
seinen Lehnstuhl niedersinken liess,--den Ellenbogen auf das Knie
gestuetzt blickte er Herrn Pietri fragend und erwartungsvoll an.

"Eurer Majestaet," begann dieser, indem er eine kleine Mappe oeffnete und
mehrere Papiere aus derselben hervorzog, "erlaube ich mir mitzutheilen,
dass der fruehere Corporal Beaury in seiner Wohnung in der Rue St. Maur,
die er nach seiner Ankunft aus London bezogen hatte, verhaftet wurde.
Man hat bei ihm einen Dolch und einen Revolver, eine Summe von etwas
ueber dreihundert Francs gefunden, zugleich aber auch vor allen Dingen
Briefe von Gustav Flourens aus London, welche zweifellos beweisen, dass
Beaury den Auftrag erhalten und angenommen hatte, Eure Majestaet durch
die Bomben zu toedten, von denen ich Ihnen bereits eine Probe zu
ueberreichen die Ehre gehabt habe."

"Die Sprengbomben sind vortrefflich construirt," sagte der Kaiser--"ich
wuerde ihrer Wirkung nicht entgangen sein," fuegte er laechelnd hinzu.

"Die Briefe von Flourens," fuhr Pietri fort, "welche ich Eurer Majestaet
hier vorzulegen die Ehre habe"--er legte mehrere beschmutzte Papiere auf
den Tisch vor dem Kaiser nieder, beweisen aber zugleich, dass es sich
nicht nur um ein Attentat gegen Allerhoechst Ihre Person handelte,
sondern dass zu gleicher Zeit die Tuilerien und die saemmtlichen
oeffentlichen Gebaeude, in welchen die leitenden Organe der oeffentlichen
Regierung ihren Sitz haben, zerstoert werden sollten. Man hat auf die
Aussage Beaury's gestuetzt, welcher sogleich nach seiner Verhaftung
umfassende Gestaendnisse ablegte, Nachforschungen gehalten und bei einem
Kunsttischler Roussel, dessen die Agenten leider bis jetzt noch nicht
habhaft geworden sind, eine weitere groessere Anzahl von Bomben, Massen
von Nitroglycerin, so wie bedeutende Quantitaeten Petroleum gefunden;
auch steht nach den Aussagen Beaury's die Theilnahme der Internationale
an der ganzen Verschwoerung ausser Zweifel, was zugleich beweist, dass
diese Verbindung, welche sich nur mit der Eroerterung socialer Fragen und
mit der Verbesserung der Lage des Arbeiterstandes zu beschaeftigen
vorgiebt, die eigentliche Triebfeder aller Attentate gegen die
bestehende Staatsordnung ist."

"Haben Sie alle diese Beweisstuecke da," fragte der Kaiser.

"Zu Befehl, Majestaet," erwiderte Pietri, indem er mehrere Briefe und
Protokolle dem Kaiser ueberreichte.

Dieser legte sie auf seinen Tisch.

"Ich werde das Alles spaeter pruefen," sagte er. "Es ist eine schmerzliche
Erfahrung fuer mich," fuhr er fort, "dass gerade diese internationale
Arbeiterassociation, welcher ich, so weit sie sich mit dem Interesse
der Arbeiter beschaeftigte, stets wo das mit den Gesetzen vereinbar war,
mein Wohlwollen bewiesen, und meinen Schutz gewaehrt habe, sich jetzt zu
solchen Zwecken missbrauchen laesst."

"Ich habe Eure Majestaet stets darauf aufmerksam gemacht," sagte Pietri,
"dass diese Organisation selbst unter ihren frueheren gemaessigten, so zu
sagen philosophischen Fuehrern eine grosse Gefahr fuer den Staat und die
Gesellschaft in sich schloss, und dass es nothwendig sei, mit der
aeussersten Strenge gegen dieselbe vorzugehen, um sie und ihren weit
verzweigten Einfluss zu zerstoeren. Nachdem nun ihre gefaehrlichen und
verbrecherischen Ziele so klar an's Tageslicht getreten sind, moechte ich
Eure Majestaet um die Erlaubniss bitten, die ganze Internationale mit
einem Schlage zu zertruemmern, und in allen Staedten Frankreichs ihre
Fuehrer, die mir sehr wohl bekannt sind, verhaften zu lassen."

Der Kaiser dachte einen Augenblick nach.

"Ich erkenne die Nothwendigkeit energischer Massregeln vollkommen an,"
sagte er, "doch weiss ich nicht, ob die Verhaftung der Fuehrer von einigem
Nutzen sein wird. So weit mir aus frueheren Berichten die Organisation
jener Gesellschaft bekannt ist, hat jeder Fuehrer einen Substitut, und
die Verhaftung der ersten Leiter wuerde also fuer die Unterdrueckung der
Sache selbst nicht viel nuetzen, ausserdem gehoert dieser Internationale
eine Menge von Arbeitern an, die im Grunde gut gesinnt sind und die
verbrecherischen Absichten der Haeupter weder kennen, noch billigen. Ich
glaube deshalb, dass es klug waere, den Massregeln, welche gegen die
Internationale getroffen werden muessen, jeden polizeilichen Character zu
nehmen und sie lediglich als die Folgen richterlichen Verfahrens
erscheinen zu lassen."

Er richtete den Blick fragend auf Herrn Ollivier.

"Ich theile vollkommen die Ansicht Eurer Majestaet," sagte dieser. "Und
es sind in diesem Sinne alle Einleitungen getroffen, der
Generalprocurator Grandperret soll einen Bericht an mich erstatten,
welcher das Complott in seinem ganzen Zusammenhange darstellt und die
Einberufung des hohen Gerichtshofes beantragt. Ich werde diesen Bericht
des Generalprocurators, der bereits morgen in meinen Haenden sein soll,
Eurer Majestaet ueberreichen und zugleich den Entwurf eines Decrets
beilegen, welcher die Einberufung des hohen Gerichtshofes anordnet.
Sobald das geschehen, werden alle Verhaftungen, welche auf Grund der von
dem Generalprocurator Grandperret anzustellenden Anklageacte
vorgenommen werden muessen, gerichtliche und nicht mehr polizeiliche
Massregeln sein."

"Sehr gut," sagte der Kaiser, "ich erwarte Ihren Bericht, mein lieber
Herr Ollivier, und ich hoffe," fuegte er sich zu Pietri wendend hinzu,
"dass Ihre Agenten geschickt genug sein werden, um keinen der Schuldigen
entwischen zu lassen."

"Eure Majestaet koennen ueberzeugt sein," erwiderte der Polizeipraefect,
"dass in meinem Ressort geschehen wird, was nur irgend zu thun moeglich
ist, dennoch aber moechte ich bitten, einige Personen welche ich dem
Herrn Generalprocurator bezeichnen werde, von der Verhaftung
auszuschliessen. Es sind die Personen welche wir genau zu ueberwachen in
der Lage sind, und durch welche wir in Folge dieser Ueberwachung
fortwaehrend Kunde von den Faeden erhalten, durch welche die revolutionaere
Bewegung im ganzen Lande geleitet wird. Wuerden diese Personen verhaftet
werden, so wuerde uns sich eine Quelle sehr wichtiger Nachrichten
verschliessen, und wir wuerden gezwungen sein, viele Zeit aufzuwenden, um
neue Netze zu knuepfen."

Der Kaiser laechelte.

"Ich verstehe," sagte er--"nicht wahr, mein lieber Herr Ollivier, Sie
finden den Wunsch des Herrn Pietri gerechtfertigt--"

"So fern dadurch," sagte der Justizminister, "der gerichtlichen
Verfolgung keine Beweise entzogen werden."

"Sie koennen sicher sein," sagte Herr Pietri, "dass diejenigen Personen,
um welche es sich handelt,--und zu denen in erster Linie der eitle
Schwaetzer Raoul Rigault gehoert, so vollstaendig umstellt sind, dass keine
ihrer Bewegungen, keines ihrer Worte uns entgeht, und dass ihre
Verhaftung, wenn sie jemals nothwendig werden sollte, jeden Augenblick
stattfinden kann. Es ist aber eine alte Regel der polizeilichen Praxis,"
fuegte er hinzu, "in grossen und besonders bedeutungsvollen Faellen immer
einige der betreffenden Personen in scheinbarer Freiheit zu lassen, um,
wenn es noethig ist, durch sie das herstellen zu koennen, was man mit dem
technischen Ausdruck eine "Mausefalle" nennt. Hat man einmal alle
Personen, von denen man irgend etwas weiss, im Gefaengniss eingeschlossen,
so ist es kaum moeglich, irgend etwas Weiteres und Neues zu erfahren."

"Ich bitte Sie also," sagte Herr Ollivier, "sich mit dem
Generalprocurator Grandperret ueber diesen Punkt zu verstaendigen."

"Der Herr Marschall Kriegsminister," meldete der Kammerdiener.

"Ich bitte den Marschall einzutreten," erwiderte der Kaiser.

Der Marschall Leboeuf trat in das Cabinet, die militairische Haltung
seiner grossen vollen Gestalt, der martialische Ausdruck seines starken
Gesichts mit dem grossen, dichten Schnurrbart liessen in ihm trotz des
Civilueberrocks, den er trug, den Soldaten erkennen.

"Nun, mein lieber Marschall," rief ihm der Kaiser entgegen. "Sie bringen
das Resultat der Abstimmungen der Armee."

"Zu Befehl, Majestaet," erwiderte der Marschall. "Leider aber habe ich
Eurer Majestaet mitzutheilen, dass nach den Mittheilungen, welche nunmehr
beinahe abgeschlossen sind dreissigtausend Ihrer Soldaten mit "Nein"
gestimmt haben."

Der Kaiser liess einen Augenblick das Haupt auf die Brust sinken, ein
trueber, trauriger Ausdruck erschien auf seinem Gesicht.

"So grossen Einfluss," sagte er, "haben die Feinde meiner Regierung also
auch in den Reihen meiner Armee gewonnen, dass dreissigtausend kaiserliche
Soldaten es wagen, ein Misstrauensvotum gegen mich auszusprechen."

"Ich habe Eure Majestaet," sagte Herr Pietri, "bereits seit lange darauf
aufmerksam gemacht, dass es vom polizeilichen Gesichtspunkt aus nicht
zweckmaessig sei, die Soldaten so lange, wie das jetzt geschehen ist, oft
ueber drei Jahre lang in denselben Garnisonen zu lassen, sie
fraternisiren dadurch zu sehr mit der Bevoelkerung, und es sind gerade
die revolutionaeren Elemente, welche in kluger Berechnung und mit grossem
Geschick stets danach streben, in den Reihen der Armee Propaganda zu
machen,--wenn Eure Majestaet Ihre Regimenter oefter die Garnisonen
wechseln liessen, so wuerde so etwas nicht vorkommen."

"Wir wollen darueber nachdenken," sagte der Kaiser, sich zum Marschall
Leboeuf wendend. "Wo sind denn besonders Stimmen mit Nein abgegeben
worden," fragte er, augenscheinlich noch immer sehr peinlich durch die
Mittheilung des Marschalls beruehrt.

"Vor allen Dingen hier in Paris," erwiderte der Marschall Leboeuf,
"bei dem siebenzehnten Jaegerbataillon und dem siebenzehnten
Linienregiment.--In der Kaserne Prinz Eugene," fuhr er fort, "hatte
sich, wie man mir meldete, die Garnison bei der Abstimmung in zwei, fast
ganz gleiche Theile gespalten. Ich bin selbst dorthin gegangen, habe die
Truppen antreten lassen und eine Ansprache an sie gehalten, in welcher
ich ihnen auseinandersetzte, dass gerade in diesem Augenblick, in
welchem die Revolution es versucht habe, die bestehende Staatsordnung
umzustuerzen, die feste Treue der Armee gegen den Kaiser eine hohe
patriotische Pflicht sei."

"Und," fragte der Kaiser.

"Ein einstimmiges, laut schallendes Vive l'Empereur war die Antwort,"
erwiderte der Marschall. "Ich glaube," fuhr er fort, "dass bei dem
negativen Votum der einzelnen Soldaten mehr der Reiz massgebend gewesen
ist, einmal ungestraft und unbeengt durch Disciplinarvorschriften ein
wenig Opposition machen koennen. Ich glaube aber nicht, dass diese
Opposition gefaehrlich ist, und dass irgend ein Theil der Armee es an
Energie in der Bekaempfung der Revolution fehlen lassen wuerde, wenn es
jemals dazu kaeme."

Der Kaiser dachte einen Augenblick nach.

"Der Faubourg du Temple ist unruhig, wie Sie mir heute gemeldet haben,"
sagte er zu Pietri gewendet.

"Zu Befehl, Majestaet," erwiderte dieser. "Es finden dort
Zusammenrottungen statt. Bis jetzt ist noch nichts Ernstes geschehen,
als dass einige Laternen umgeworfen wurden, indessen ist zu besorgen, dass
mit dem Eintritt der Dunkelheit dort ernstere Unruhen stattfinden
moechten, und meine Agenten haben mir bereits berichtet, dass
Vorbereitungen zum Barrikadenbau getroffen wurden."

"Commandiren Sie, mein lieber Marschall, das siebenzehnte Jaegerbataillon
und das siebente Linienregiment heute Abend nach dem Faubourg du Temple,
um gegen die Ruhestoerungen, welche man dort versuchen moechte,
einzuschreiten. Ich will den Truppen zeigen, dass ich ihr Recht des
freien Votums achte, und das mein Vertrauen in die Erfuellung ihrer
Dienstpflicht durch den Gebrauch ihres Stimmrechts auch gegen mich nicht
erschuettert werden kann. Nun aber," fuhr er fort, indem er sich in einer
kraeftigeren Bewegung als sonst erhob und den Blick stolz und frei ueber
die in seinem Cabinet befindlichen Personen gleiten liess, "ist es
nothwendig, zu der Verfolgung der Verschwoerer durch die Gerichte
Massregeln zu treffen, um den Staat gegen alle Attentate zu schuetzen,
welche vielleicht dennoch von denen versucht werden koennten, die sich
bisher der Wachsamkeit der Behoerden zu entziehen wussten. Lassen Sie,
mein lieber Marschall," sprach er im festen Ton des Befehls, der keine
Eroerterung und keinen Widerspruch duldet, "die Truppen saemmtlich in den
Kasernen consigniren, die Truppen sollen scharfe Patronen erhalten und
jeden Augenblick marschbereit sein. Commandiren Sie ferner nach allen
oeffentlichen Gebaeuden wenigstens zwei Bataillone, welche vor Allem den
Befehl erhalten muessen, jeden Eintritt unbekannter Personen
zurueckzuweisen und die Keller und Souterrainraeume zu ueberwachen.
Sodann," fuhr er fort, "sollen die Voltigeurs der Garde saemmtlich in die
Gallerien commandirt werden, welche den Pavillon des kaiserlichen
Prinzen mit dem Neubau vereinigen. Ich werde dem General Frossard den
Befehl schicken, dass der Prinz seine Wohnung nicht verlaesst, man koennte
seinen Wagen fuer den Meinigen halten, und er koennte das Opfer eines
gegen mich gerichteten Attentats werden. Das darf nicht geschehen, denn
auf seinem Leben beruht die Zukunft Frankreichs. Jeder Unruhe," fuhr er
immer in demselben festen Ton fort, "welche heute Abend in den Strassen
von Paris stattfinden koennte, soll sofort mit scharfer Waffe und ohne
jede Schonung entgegen getreten werden. Die Corpsfuehrer sind mir
verantwortlich dafuer, dass keine Barricade laenger als eine halbe Stunde
stehen bleibt,--vor Allem," fuegte er noch hinzu, "sollen starke Posten
in das Erdgeschoss des Pavillons des kaiserlichen Prinzen gelegt werden
und Niemand dort zugelassen werden, der sich nicht durch seinen Dienst
oder durch einen besonderen Erlaubnissschein legitimiren kann. Ausserdem
werden Sie, mein lieber Pietri," sagte er, sich an den Polizeipraefecten
wendend, "den Pavillon des Prinzen ringsum mit Ihren zuverlaessigen
Agenten umgeben lassen, mit dem bestimmten Befehl, Niemand die
Annaeherung an denselben zu gestatten."

Herr Ollivier sah ganz erstaunt den Kaiser an, der Ton desselben,
welcher an die Zeit des unumschraenkten persoenlichen Regiments erinnerte,
schien ihn zu befremden.

"Und welche Sicherheitsmassregeln befehlen Eure Majestaet," sagte Herr
Pietri, "fuer den Pavillon de l'Horloge,--fuer Eurer Majestaet eigene
Wohnung?"

"Keine," sagte der Kaiser stolz laechelnd, "ich habe die Pflicht, fuer die
Sicherheit des Staates und des Erben meines Thrones zu sorgen. Was mich
betrifft,--ich vertraue meinem Stern!--Gehen Sie, meine Herren," sagte
er mit freundlicher Wuerde und Hoheit, "und sorgen Sie fuer die puenktliche
Ausfuehrung meiner Befehle. Sie, mein lieber Ollivier, bitte ich, noch zu
bleiben, ich habe noch weiter mit Ihnen zu sprechen."

Der Marschall Leboeuf und Herr Pietri zogen sich zurueck.

"Sie wissen," sagte der Kaiser, als er mit dem Grosssiegelbewahrer
allein war, "dass die Kaiserin nach der Verfassung des Reichs zur
Regentin bestimmt ist, fuer den Fall meiner Abwesenheit oder meines Todes
waehrend der Minderjaehrigkeit des Prinzen. Dieser Beaury ist gefangen,"
fuhr er fort, "aber man koennte einen Zweiten und einen Dritten absenden,
und irgend ein ploetzliches Ereigniss koennte meinem Leben ein Ende
machen."

"Sire," rief Ollivier, die Hand auf die Brust legend, "die Vorsehung
wird verhueten--"

"Ich hoffe das," sagte der Kaiser kalt und ruhig, "indessen muss ich fuer
den Fall eines verhaengnissvollen Ereignisses meine Bestimmung treffen,
als ob es sich um eine dritte Person handelte. Sollte ich," fuhr er
fort, "das Opfer eines Dolches, eines Revolvers oder einer Bombe werden,
so werden Sie unverzueglich die ganze Garnison von Paris unter die Waffen
treten lassen, meinen Sohn zum Kaiser proclamiren und die Truppen ihm
und der Regentin den Eid der Treue schwoeren lassen. Sie werden jeden
Versuch einer Bewegung in der Hauptstadt mit ruecksichtsloser Strenge
niederwerfen und die Regierung genau so fortfuehren, als ob sich Nichts
geaendert habe--Nichts," fuegte er mit einem Anklang leiser Wehmuth hinzu,
"als dass neben dem Namen des Kaisers eine IV statt einer III steht.
Besprechen Sie mir das, geben Sie mir Ihr Wort darauf."

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